Dance like nobody's watching

Als ich ich aufhörte ein Tänzer zu sein

Ich war mal ein Tänzer. Das hat mein Leben bestimmt und es war eine wirklich geile Zeit. Heute tanze ich nur noch gelegentlich. Und ja, es ist ein Unterschied ob man tanzt, oder ein Tänzer ist. Der Unterschied ist gewaltig. Das eine ist ein Hobby. Das andere eine Lebenseinstellung. Klingt jetzt ziemlich großspurig, ist aber einfach so. Aber was passiert mit einem, wenn man eines Tages kein Tänzer mehr ist? Ich versuche es hier mal zu erklären. Zumindest so wie ich es erlebt habe.

Dieser Beitrag ist nicht wirklich zufällig entstanden. Ich habe am letzten Samstag eine kleine Tänzerin kennengelernt. Sie stellte mir irgendwann am Abend genau diese Frage: „Wie ist es mit dem Tanzen aufzuhören“. Ich antwortete nicht. Konnte mich aus der Frage irgendwie herauswinden. Es wäre einfach zu viel für diesen Abend gewesen. Zu schwierig zu erklären. Ich wäre auch nicht in vollständig in der Lage gewesen die Frage wirklich zu beantworten. Seitdem geht mir die Frage aber nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht weil ich die Antwort selbst nicht wirklich suchen wollte. Aber das Wichtigste zuerst.

Tänzer sein ist mehr als nur tanzen

Wie oben schon geschrieben, es ist mehr als nur tanzen. Es ist mehr als nur viel tanzen. Es ist mehr als zu jedem freien Zeitpunkt zu tanzten. Tänzer sein ist Adrenalin, Leidenschaft und eine Lebenseinstellung. Es ist dieses spezielle Gefühl. Das was du nur fühlen kannst, wenn du dich ganz hingibst. Um dich herum tritt die Welt in den Hintergrund. Da bist du, die Musik und dein Körper als Mittler zwischen beiden. Ein Trainer erklärte es mal so: „Wenn du tanzt bist du in einer Kugel. Da kommt nichts vor außen rein, da bist du (ggf. deine Partnerin), die Musik und der Tanz.“ Egal ob die Menschen in deiner Umgebung es gut finden und Beifall klatschen, oder ihre Vorurteile über dir ausschütten möchten. Sie können es nicht, sie kommen nicht rein in diese Kugel. Alles prallt ab.

Das Gefühl, wenn du tanzt ist ähnlich wie in diesem Song beschrieben. Auch wenn es nicht gerade der Sound zum Tanzen für mich wäre.

Dieses Gefühl habe ich bis jetzt nur erlebt, wenn ich getanzt habe. Egal was ich sonst gemacht habe. Tanzen gibt einem ein Gefühl voller Energie, Freiheit und Harmonie.

Talentfrei, oder wie alles begann

Irgendwann fängt man halt mal mit der Tanzschule an. Zumindest war es bei mir so. Es hat mir vom ersten Tag an Spaß gemacht. Die Musik. Die Bewegung. Ich, der Sportmuffel hatte etwas gefunden bei dem er sich gerne und freiwillig bewegt. Nur mit dem Talent, ja da sah es schlecht aus. Selbstbewusst sein war auch nicht da. Von hier aus betrachtet war ich echt seltsam. Halt ein Teenager auf der Suche nach seine Identität. Ich kämpfte mich durch die Tanzkurse. Von Grundkurs bis Gold Star (gibt es das heute noch?). Sogar mit Tanzabzeichen bis Gold. Damals wollte kaum ein Mädchen mit mir tanzen. Dann wurde ein Tanzsportclub gegründet. Ich hatte total Lust drauf. Nur mich hat damals keiner so richtig in diesem Club gesehen. Man sagte aber, versuchen kannst du es und dann sehen wir weiter.

Es war die dritte oder vierte Trainingsstunde. Der Trainer kam zu mir her. Er fand ich mache riesige Fortschritte und solle auf jeden Fall dranbleiben. Da war er, der Moment in dem der Wille das Talent besiegte. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Trainer gewechselt und in München trainiert. Da wurde aus einem Mensch der tanzt langsam ein Tänzer. Ich habe dann mehrere Partnerinnen, die mit meiner Motivation leider nie so richtig mithalten wollten. Mit der letzten Partnerin hat es eine Woche vor unserem ersten Turnier nicht mehr geklappt. Ich hatte die Nase voll. Ich wollte einfach mehr. Aufhören? Nein! Ich suchte mir etwas Neues und durch Zufall hat mich dann ein Tänzer in Riem auf die Bühne gezogen…

Der Tänzer, die Bühne, das Leben!

Sascha Walk - Tänzer ca. Mitte der 90er
Ich beim tanzen, irgendwann in der zweiten Hälfte der 90er Jahre

Wow. Diesen Abend werde ich nie vergessen. Ich stand in Riem auf einer Party vor der Bühne. Oben vier Tänzer. Zwei Männer, zwei Frauen. Ich war total geflasht. Irgendwann deutete ich dem einen Tänzer, er solle doch unten tanzen. Er schüttelte den Kopf und zog mich auf die Bühne. Da war ich nun. Auf der Bühne. In einer Halle mit mehreren tausend Menschen. Ich tanzte einfach los. Dann trafen sich unsere Blicke. Eine der Tänzerinnen schaute mich an und wir hatten irgendwie einen Draht zueinander. Wir wussten instinktiv was der andere macht und es passte perfekt. Ein wirklich magischer Moment. Als ich wieder von der Bühne stieg fragte mich jemand, ob ich zu den Tänzern gehöre. Das war der Moment in dem ich wirklich Tänzer wurde.

Der Tänzer der mich damals auf die Bühne zog war zwei Monate später einer mein Trainer am Tanzprojekt München. Ich lernte, tanzte, verdiente sogar Geld mit meinem Leben als Tänzer. War bei dem ein oder anderen Eurodance Act als Gast mit auf der Bühne. War damals gerade noch im Trend 🙂 Die Crew von La Bouche bot mir sogar einen Job an. Leider war es im Ruhrgebiet und es hätte sich nicht gelohnt dafür jedes Wochenende durch halb Deutschland zu fahren. Es war eine großartige Zeit.

Natürlich wurde auch getuschelt und nicht jeder fand es gut. Mein Image: Der ist schwul. Selbst wenn ich vor ihren Augen meine Freundin geküsst habe. Manchmal konnte ich nicht anders als solche Leute auszulachen. Deren Meinung hat mich nie interessiert. Hat mich nie getroffen. Sah es eher als Kompliment, weil die meisten Schwulen einfach mehr Style habe als viele Heteros.

Es war einfach eine großartige Zeit. Ich überlegte sogar eine professionelle Ausbildung als Tänzer zu machen. Hatte Probestunden bei Iwanson, damals die einzige Option für eine Ausbildung in München. Auch die Stage School in Hamburg wäre ein Option für mich gewesen. Es ist bei der Überlegung geblieben und ich habe mich für eine berufliche Karriere entschieden. Für die Welt der Werbung und des Internets. Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Es war der richtige Weg. Es hat aber seinen Preis gehabt…

Was kommt danach?

Was macht es mit dir wenn du aufhörst zu tanzen? Es hinterlässt Spuren. Es bleibt eine Narbe im Herzen und in der Seele. Große Worte. Ja, aber anders kann ich es heute, fast 20 Jahre später nicht beschreiben. Es ist kein verheilter Stich, der bleibt. Es fehlt ein Stück. Nichts was einen zerstört. Kein Schaden für das Leben. Aber ein kleines Stück fehlt. Es fehlt das Adrenalin. Es fehlt der Kick. Tanzen ist wie eine Droge, nur ohne Nebenwirkungen. Nur der Entzug, der ist krass.

Manchmal tanze ich noch, vielleicht kann man heute auch sagen ich mache mich zum Affen. Älter, dicker, langsamer und ohne große Ausdauer. Ist mir immer noch egal was die Menschen denken. In diesen kleinen Momenten bin ich wieder Tänzer. Ich fühle mich vollständig.

Wenn ich der kleinen Tänzerin vom letzten Samstag einen Rat geben könnte würde ich sagen: „Höre niemals auf Tänzerin zu sein. Egal was passiert. Nimm dir die Zeit dafür„. Vielleicht sehe ich sie durch einen Zufall mal wieder, dann sage ich es ihr selbst.

Kategorien ANALOG

Ich bin Sascha Walk und der Autor – besser gesagt der Urban-Lifestyle-Evangelist hinter Blog in Orange. Diese Bezeichnung leitet sich vom Technologie Evangelist ab. Ich möchte euch die frohe Botschaft des schönen Stadtlebens näherbringen.

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