Eröffnung – ARS VIVA PRIZE 2018

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6. Oktober 2017 to 7. Oktober 2017 18:00 - 02:00

Kunstverein München e.V.

Galeriestraße 4

Anna-Sophie Berger, Oscar Enberg, Zac Langdon-Pole
ARS VIVA 2018
7. Oktober bis 19. November 2017

Eröffnung / Book Launch
Freitag, 6. Oktober 2017
18 Uhr
Afterparty mit DJ Benjamin Roeder

Auch wird am 6. Oktober eine neue Rotation der Reihe ‚Theatre of Measurement‘ mit Vartan Avakian, Roland Burkart, Silvia Hell, Rebecca Erin Moran und Jonas von Ostrowski im Schaufenster eröffnen.

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Von 7. Oktober bis 19. November 2017 zeigt der Kunstverein München eine Ausstellung neuer und erst kürzlich entstandener Werke von Künstlern, die den ARS VIVA-Preis 2018 gewonnen haben: Anna-Sophie Berger, Oscar Enberg und Zac Langdon-Pole.

Seit 1953 vergibt der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V. jährlich den ARS VIVA Preis an junge, in Deutschland lebende Künstler, deren Arbeiten sich durch ihr richtungsweisendes Potential auszeichnen. Der diesjährigen Jury unter Vorsitz von Ulrich Sauerwein gehörten neben Mitgliedern des Gremiums Bildende Kunst des Kulturkreises auch als Fachberater die Direktoren und Kuratoren Chris Fitzpatrick (Kunstverein München), Martin Germann (S.M.A.K., Gent), Zita Cobb (Fogo Island Arts / Shorefast Foundation), Nicolaus Schafhausen (Kunsthalle Wien, Shorefast Foundation) und Krist Gruijthuijsen (KW Institute for Contemporary Art) an. Unsere Ausstellung wird anschließend 2018 auch Station im S.M.A.K. im Belgischen Gent machen, wofür sie den dortigen Räumen entsprechend verkleinert wird. Zudem werden die Künstler jeweils mit einem Preisgeld, einer Künstlerresidenz auf Fogo Island (Kanada) und einer zweisprachigen Publikation geehrt, die sich mit ihren Werken befassen und Aufsätze von Simon Baier, Gürsoy DoÄtaş, Gregory Kan, Laura McLean Ferris und Hans Ulrich Obrist enthalten wird.

Während sich die künstlerische Herangehensweise und die Interessensgebiete von Anna-Sophie Berger, Oscar Enberg und Zac Langdon-Pole deutlich voneinander unterscheiden, nähern sie sich ihren Projekten doch alle auf ähnliche Weise, nämlich durch eine tiefgehende Analyse der sozialen, historischen und ökonomischen Dimensionen der Objekte und ihrer Kontexte. Die Künstler zeigen und kombinieren dabei jeweils unterschiedliche Arten von Produktion, Verteilung und Wertzuschreibung. In der Ausstellung ARS VIVA 2018 stehen die Logiken der Dislokation, der Hybridisierung und der semantischen Ambiguität im Mittelpunkt.

Ein nützliches Instrument, um diese kollektive Konversation zu lenken, könnte das Schiff des Theseus darstellen – ein philosophisches Paradoxon, das die Frage berührt, ob ein Objekt, bei dem Stück für Stück alle Einzelteile ausgetauscht wurden, immer noch mit sich selbst identisch ist, also dasselbe Objekt geblieben ist. Dieses Konzept ist für die Arbeitsweise von Zac Langdon-Pole von großer Bedeutung, denn er stellt die vielen historischen Narrative und Mythen in Frage, die den Ursprüngen spezifischer Objekte zugeschrieben werden. In seinem Werk berühren sich unterschiedliche Materialien und es prallen kosmische, menschliche und natürliche Prozesse aufeinander, sodass seine Arbeiten die Grenzen der Erinnerung ausloten, die Verwerfungen der Geschichte (speziell die Auswirkungen des Kolonialismus) unter die Lupe nehmen und die Hinterlassenschaften von kulturellem Austausch, Exotizismus und Ornament, sowie der Repräsentation von Geschichte kritisch hinterfragen. Er ist sehr an der Frage interessiert, was geschieht, wenn persönliche oder emotional aufgeladene Geschichten auf größere soziale Entwicklungen und kollektive Vermächtnisse treffen.

Oscar Enberg befasst sich auf ähnliche Weise mit höchst speziellen Kombinationen aus Materialien, Prozessen und Zeitlichkeiten. Er gräbt geheimnisumwobene Geschichten aus, beschwört sie geradezu und ruft Entropie hervor. Seine Arbeiten bersten schier vor literarischen, filmischen, folkloristischen, gesellschafts- und kunstgeschichtlichen Anspielungen und sie beinhalten eine Fülle von (seltenen, aufbereiteten oder gefährdeten) Materialien, verschmolzenen Protagonisten und anachronistischen (besonders kunsthandwerklichen) Prozessen, die es zu entdecken gilt. Einer Unzahl von Narrativen wird neues Leben eingehaucht, sie werden verdichtet und vermischt, wobei dies zwar oft Reibungen verursacht, doch in der Zusammenstellung sind sie mehr als nur die Summe ihrer Teile. Seine hybriden Arbeiten dienen als materielle Parabeln für parasitäre, spekulative, zusammenhängende und missbräuchliche Beziehungen, indem sie zeigen, dass Objekte und Bilder niemals autonom, sondern immer durch größere, selbstgenerierende Konstellationen und ausbeuterische strukturelle Bedingungen ermöglicht sind. Das Resultat ist eine Art Volksmund, eine kleine Sprache, eine materielle Mundart, welche die latenten Perversionen und Absurditäten in normativen Wertesystemen aufzeigt und die asymmetrischen Wechselwirkungen innerhalb ökonomischer, sozialer und kultureller Beziehungen ans Licht bringt.

Anna-Sophie Berger setzt ihre Materialien ebenfalls in einen ihnen fremden Kontext, wobei dies bisweilen auf vergänglichere und zeitlichere Weise geschieht. Ihr Status oder Nutzwert gerät nur temporär ins Schwanken, bevor er wieder gefestigt wird. Rückführung, Wiederverwertung.
Mit den Gesten, die sie kreiert, verhält es sich ähnlich; sie können selbst etwas Gewaltvolles oder Zerstörerisches beinhalten, während sie gleichzeitig andere Arten von Gewalt aufdecken – die Ausgrenzungen, ungleiche Tauschgeschäfte und Komplikationen innerhalb der Kommunikation. Die scharfen Beobachtungen ihrer sozialen Umwelt und deren Konventionen offenbaren die stetigen Aushandlungsprozesse zwischen der öffentlichen und privaten Sphäre in unserem Alltag und betonen die beiläufigen Narrative und bedeutsamen Momente, die unweigerlich zum Vorschein kommen, während man seine persönlichen Erfahrungen sammelt. Indem sie Objekte und Bilder an immer neue Orte versetzt, stellt sie die grundlegende Frage nach den sozialen und körperlichen Zwecken der Dinge sowie der Anpassungsfähigkeit der Subjektivität in einer immer fremder werdenden Welt.

Die ausstellenden Künstler bei ARS VIVA 2018 führt in erster Linie der Preis zusammen, doch die Resonanzen, die sich über ihre jeweiligen Arbeitspraktiken hinweg ergeben, sind alles andere als zufällig. Das Ergebnis ist von einer ontologischen Mehrdeutigkeit, einer konzeptuellen Strenge, einer politischen Motivation und einer materiellen Reichhaltigkeit geprägt. Dabei spielt es keine Rolle, woher die Materialien stammen – aus öffentlichen Parks, dem All, dem Outback, der Unterwasserwelt, dem Internet, von speziellen Bäumen oder Tieren, oder ob sie von Insekten vergraben wurden –, sie sind hochgradig mit Bedeutung aufgeladen: durch ihren Herstellungsprozess und durch den sozialen oder historischen Zweck, zu dem sie benutzt wurden. Und sie sind fantastische Mutanten – Materialien sind aufeinandergeprallt, sodass ihre körperlichen, produktiven und symbolischen Eigenschaften sich unweigerlich berührten und miteinander verschmolzen.

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Anna-Sophie Berger, Oscar Enberg, Zac Langdon-Pole
ARS VIVA 2018
7. October until 19. November 2017

Opening / Book Launch
Friday, 6. October 2017
18
Afterparty with DJ Benjamin Roeder

Also opening on 6. Oktober is a new Rotation of the group exhibition ‚Theatre of Measurement‘ with works by Vartan Avakian, Roland Burkart, Silvia Hell, Rebecca Erin Moran and Jonas von Ostrowski in the Schaufenster am Hofgarten.

From 7 October to 19 November 2017, Kunstverein München proudly presents an exhibition featuring new and recent works by the winners of the ARS VIVA 2018 prize: Anna-Sophie Berger, Oscar Enberg, and Zac Langdon-Pole.

Since 1953 the Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V. (the Association of Arts and Culture of the German Economy at the Federation of German Industries) has been awarding the annual ARS VIVA prize to young artists living in Germany whose works are distinguished by their pioneering potential. This year’s jury was chaired by Ulrich Sauerwein and consisted of members of the Kulturkreis Fine Arts Committee, and directors and curators Chris Fitzpatrick (Kunstverein München), Martin Germann (S.M.A.K., Gent), Zita Cobb (Fogo Island Arts / Shorefast Foundation), Nicolaus Schafhausen (Kunsthalle Wien, Shorefast Foundation) and Krist Gruijthuijsen (KW Institute for Contemporary Art) as expert advisors. In 2018, the exhibition will tour to S.M.A.K. in Gent, Belgium, where it will be attenuated appropriately. The artists are additionally awarded individual prize money, a residency at Fogo Island Arts (Canada), and a bilingual catalogue centered on their work, with essays by Simon Baier, Gürsoy DoÄtaş, Gregory Kan, Laura McLean Ferris, and Hans Ulrich Obrist.

While the artistic strategies and areas of investigation of Anna-Sophie Berger, Oscar Enberg, and Zac Langdon-Pole are very distinct, all of them develop their projects through in-depth research into the social, historical, and economic dimensions of objects and environments. Each artist makes visible and combines differing modes of production, distribution, and value-attribution. In the ARS VIVA 2018 exhibition, logics of displacement, hybridization, and semantic ambiguity are featured front and center.

A useful vehicle to steer this collective conversation might be Theseus’ Ship – a paradoxical thought experiment that asks whether an object that has had all of its parts replaced one by one could still be regarded as fundamentally the same object. This concept is essential to Zac Langdon-Pole’s practice, which contests the many historical narratives and myths attributed to the origins of specific objects. Through the contact of divergent materials and the collision of cosmic, human, and natural processes, his work tests the limits of memory, amplifies the distortions of history (namely colonial legacies), and interrogates the residue of cultural exchanges, exoticism, ornament, and the representation of history. He’s interested in what happens when personal histories come into contact with larger social developments and collective legacies.

Similarly, Oscar Enberg trades in highly particular combinations of materials, processes, and temporalities. He excavates and invokes arcane histories, and provokes entropy. His works contain a lattice of literary, cinematic, folkloric, and civic and art historical references to be unpacked, and are full of (rare, appropriated, or endangered) materials, conflated protagonists, and anachronistic (specifically artisanal) processes to be charted. An abundance of narratives are reanimated, compressed, and intermingled, which often do not correspond easily, but together become more than the sum of their parts. His hybrid works serve as material parables for parasitical, speculative, contiguous, and abusive relations, exposing that objects and images are never autonomous but always contingent upon larger, self-generating constellations and exploitative structural conditions. The result is a sort of vernacular, a minor language, a material patois, that points to the latent perversions and absurdities in normative value systems, and makes visible the asymmetrical interactions at the heart of economic, social, and cultural relations.

Anna-Sophie Berger also displaces materials, though at times in a more transient and temporary way that tilts their status or use value, before setting them right again. Returning, recycling. The same can be said for the gestures she creates, which may apply something violent or disruptive, while also disclosing other forms of violence – the exclusions, uneven exchanges, and complications within communication. Her keen observations of the lived environment and social conventions makes visible the constant negotiation between the public and private in our daily lives, and highlights the incidental narratives and moments of meaning that erupt from the accumulation of personal experiences. By transposing objects and images from one place to the next, she brings up vital questions about the social and physical functions of things, and the adaptability of subjectivity in an increasingly unfamiliar world.

The artists exhibiting in the ARS VIVA 2018 exhibition were brought together by the prize, yet the resonances shared across their respective practices are more than fortuitous. The result is ontologically ambiguous, conceptually taut, politically motivated, and materially rich. And whether coming from public parks, outer space, the outback, underwater, the Internet, specific trees or animals, or burrowed by insects, these materials are loaded – by the way they are produced, by the social or historical function to which they’ve been applied. And they are fantastic mutants – materials collided to force physical, productive and symbolic properties to come into contact, to become distilled.

Image: still from Oscar Enberg, „Red Beryl and crocodile, Opal (Irrational Exuberance in the White Man’s Hole)“ (2016-17), 3.2K in HD Video, Farbe, Ton / 3.2K to HD video, color, sound, 22:22 min.